Prof. Dr. Dr. Wolfgang Berger, Volkswirtschaftler und Philosoph

Prof. Dr. Dr. Wolfgang Berger (Jahrgang 1941) hat nach dem Abitur eine Lehre zum Industriekaufmann abgeschlossen und dann in West-Berlin, Grenoble (Frankreich) und Durham (USA) Ökonomie und Philosophie studiert und mit einem „Master of Arts in Economics“ abgeschlossen. Anschließend hat er mit einem Forschungsauftrag der Max-Planck-Gesellschaft an der Freien Universität Berlin und an der Technischen Universität Berlin zum Dr. phil. in Philosophie und zum Dr. rer. pol. in Volkswirtschaftslehre promoviert. Danach war er 20 Jahre Manager in Deutschland, Italien und Lateinamerika.


Prof. Dr. Dr. Wolfgang Berger

Ab 1988 war er neun Jahre Professor für Betriebswirtschaftslehre an der Hochschule für Wirtschaft in Pforzheim (D) und an der California State University (USA). 1992 hat er das erste multinationale europäische MBA-Programm initiiert und begründet (ein Gemeinschaftsprojekt von fünf führenden Wirtschaftsfakultäten aus Deutschland, Frankreich, England, Italien und Spanien) und 1997 das BUSINESS REFRAMING® INSTITUT mit gegründet.

Kern seiner Arbeit ist heute die breite Nutzbarmachung neuer Erkenntnisse für die Zukunft unserer Unternehmen und dadurch auch für die irdische Zukunft.

Wolfgang Berger ist mit einer Koreanerin verheiratet und hat zwei erwachsene Kinder.

 

 

MM: Sehr geehrter Herr Prof. Berger. Sie haben sowohl in Philosophie als auch in Volkswirtschaftslehre promoviert. Wie vertragen sich diese Disziplinen?

Prof. Berger: Die vertragen sich gar nicht. Der Philosophie geht es um Weisheit, der Ökonomie um Effizienz. Wir lassen heute zu, dass alles der Ökonomie untergeordnet wird und sind deshalb gerade dabei, unseren Planeten als Lebensraum mit großer Effizienz zu zerstören. Weisheit hingegen würde alles einer anderen Frage unterordnen: „Dient es dem Leben?“ 

MM: In Ihren Veröffentlichungen erläutern Sie u. a. die Schädlichkeit von Zinsen für unser bestehendes Wirtschaftssystem, wie begründen Sie das?

Prof. Berger: Zinsen vermehren Geld ohne Arbeit. Da Geld nicht arbeiten und sich auch nicht von selbst vermehren kann, müssen die Zinsen von Menschen erarbeitet werden – von jedem von uns: In den Preisen von allem, für das wir Geld ausgeben, stecken im Durchschnitt 40 % Zinsen, ein wesentlicher Bestandteil der Steuern, die wir zahlen, sind Zinsen.

In jedem Produkt und in jeder Dienstleistung die wir erwerben ist die Mehrwertsteuer enthalten. Die Einnahmen des Staates aus der MwSt betragen ca. 70 Milliarden Euro. Nun zahlt der Staat ca. 40 Milliarden jährlich nur an Zinsen für die Staatsschuld die niemals wieder getilgt werden kann, denn gäbe es keine Schulden, dann gäbe es auch das Geld nicht!

Demzufolge zahlen wir in jedem Preis grob gerechnet 11 % Zinsen für die Staatsschuld allein über die Steuer.

MM: Das ist doch nicht so viel?

Prof. Berger: Okay, geht ja auch noch weiter. Die durchschnittliche Eigenkapitalquote aller deutschen Unternehmen liegt bei 17,7 % und das bedeutet nichts anderes, als dass die deutsche Wirtschaft mit weit über dem doppelten Soll des Staates kalkulieren muss und dieser Kapitaldienst natürlich auf die Preise umgelegt wird, somit sind wir heute schon bei 40 % Zinsen in den Preisen und dieser Anteil wird immer schneller steigen weil unser Schuldgeld einen exponentiellen Verschuldungszwang beinhaltet.

Wer Miete oder besser Mietzins zahlen muss, zahlt mit dem monatlichen Betrag 70 oder 80 % Zinsen ohne die Nebenkosten zu berücksichtigen.

Die meisten Menschen geben deshalb die Hälfte ihres netto Einkommens für Zinsen aus, auch wenn sie überhaupt keine Schulden haben und das ist den meisten nicht bewusst. Der arbeitenden Bevölkerung bleibt somit nach vorherigem Abzug von Sozialabgaben und direkten Steuern nicht mehr als ein Viertel ihrer Leistungskraft. Oft muss eine Familie ernährt und privat für's Alter vorgesorgt werden. Aber zurück zur Umverteilung durch Zins und Zinseszins. Nur wenige bekommen diese Zinsen. Diese fließen über den Handel, Lieferanten, den Dienstleistern und Herstellern oder dem Vermieter an die Bank und von dort in die großen Kapitalsammelstellen wie es ein SPD Kanzler einmal bezeichnet hat.

Nur wenn Ihr Zinseinkommen höher ist als Ihr Arbeitseinkommen, gehören Sie zu den Gewinnern des Systems. Ist Ihr Zinseinkommen aber niedriger als Ihr Arbeitseinkommen, gehören Sie zu den Verlierern – und das sind fast alle. Ein System aber, in dem 90 bis 95 % der Bevölkerung verlieren, was 5 oder 10 % unverdient hinzubekommen, ist auf Dauer nicht lebensfähig und endet in Revolution und/oder Krieg.

MM: Warum, anders gefragt: Woran soll das System zusammenbrechen?

Prof. Berger: Den wenigen, denen die inzwischen gigantischen Kapitaleinkommen zufließen, gehört bald alles – und alle anderen sind praktisch deren Sklaven. Bereits heute gehört vierhundert Familien 60 % des gesamten Reichtums der Welt. Das Römische Reich ist untergegangen, als seine unermesslichen Reichtümer 1.800 Familien gehört haben. Jedes Monopoly Spiel geht einmal zuende. Wir stehen jetzt vor dem Untergang der von den U.S. A. geprägten Form des Kapitalismus.

Warum besteht diese astronomische, unvorstellbar große, weltweit existierende Geldmenge zu über 70 % aus US$ obwohl Amerikas Weltbevölkerungsanteil nur bei 4,5 % liegt?

MM: Wie kommt es, dass nur so wenige Wirtschaftswissenschaftler in der westlichen Welt diese Zusammenhänge erkennen oder publizieren?

Prof. Berger: Der Zins ist für die Ökonomen so selbstverständlich, dass sie ihre eigene Disziplin in Frage stellen, wenn sie den Zins in Frage stellen. Wer aber seine eigene Disziplin verleugnet, verleugnet sich selbst und wird von seiner „Zunft“ ausgeschlossen. Wer viele Jahre studiert hat und mit diesem Wissen einen Beruf ausübt, muss Mut haben, um das alles abzulegen, denn dieses System trägt das Gen seiner Zerstörung in sich selbst.

MM: Was schlagen Sie als Alternative vor?

Prof. Berger: Sämtliche Religionen verbieten den Zins – sämtliche! Als Ökonom sage ich, dass man ihn nicht verbieten kann. Es würde sofort ein „schwarzer“ Finanzmarkt entstehen. So sind die großen Finanzdynastien der Fugger, Rothschilds und Wallensteins entstanden. Die Zentralbank muss „fließendes Geld“ einführen, bei dem der Markt den Zins auf Null drückt. Dann haben wir alle die doppelte Kaufkraft. Und weil viele dann lieber halb so viel arbeiten, beendet „fließendes Geld“ nicht nur die Staatverschuldung, sondern auch die Arbeitslosigkeit. Dazu muss die Zentralbank eine Gebühr auf Geld (Demurrage) erheben. Das Bankensystem bleibt – von dieser veränderten Rahmenbedingung abgesehen – unverändert. Weil die Anleger die Demurrage sparen wollen, stellen sie ihr Geld auch ohne Zins für Investitionen zur Verfügung. Das Kebsgeschwür Zins wäre endlich aus der Marktwirtschaft herausoperiert und die Welt würde genesen.

MM: Das ähnelt sehr den Konzepten mancher der Regionalgelder. Warum muss denn "herumliegendes" Geld an Wert verlieren? Wenn man es stattdessen in Gold anlegen würde, würde es doch auch nicht "automatisch" an Wert verlieren.

Prof. Berger: Fließendes Geld hingegen verliert nicht an Wert. Im Gegenteil: die Stabilität des Geldes ist garantiert, die Demurrage (Geldsteuer) macht es möglich, die Lohnnebenkosten zu reduzieren – vielleicht auch abzuschaffen – und dem Kapital die Finanzierung des Staates aufzubürden. Die schleichende Enteignung durch Inflation und ihrem Endgame der Hyperinflation wäre besiegt. Schon Voltaire wusste; "Papiergeld kehrt früher oder später zu seinem inneren Wert zurück und der ist Null." Gold oder eine Goldwährung hingegen würde dazu führen, dass das Geld dem Wirtschaftskreis-lauf entzogen wird. Die Fachleute nennen das Deflation – die gefährlichste Form einer Wirtschaftskrise. Eine solche Krise mit einer sehr hohen Arbeitslosigkeit und unermesslichem sozialen Elend hat den Nationalsozialismus in Deutschland an die Macht gebracht und letztlich hat das Pyramidenspiel in dem wir auch heute immer noch leben den Zweiten Weltkrieg ausgelöst.

MM: Was muss sich ein Laie unter Business Reframing vorstellen?

Prof. Berger: Business Reframing verbindet Weisheit mit Effizienz: Wir sagen, dass ein Unternehmen für die Mitarbeiter da ist, die sich dort bis an die Grenze ihres Potenzials entwickeln sollen. Und wir sehen, dass da, wo das geschieht, die Entwicklung des Unternehmens gar nicht mehr zu bremsen ist. Unser letzter Kunde hat in kurzer Zeit den Umsatz und die Belegschaft verdoppelt. Mit Business Reframing provozieren wir die Genialität in Unternehmen.

MM: Argumentieren Sie jetzt nicht auch genau auf der gleichen Basis des "Wachstums", und ist nicht der Zwang zum Wachstum mit der Grund für die Schwäche eines Systems, dass weder unbegrenzt wachsende Käufer noch unbegrenzt wachsende Ressourcen hat?

Prof. Berger: Wenn Sie das Doppelte verdienen weil sie doppelt so tüchtig sind, ist das doch in Ordnung. Bei einem einzelnen Unternehmen ist es ebenso. In einer Marktwirtschaft setzen sich immer diejenigen durch, die besser sind. Das bringt letztlich alle weiter. Ein quantitatives Wachstum aber, wie unser destruktives Geldsystem es erzwingt, zerstört unseren Planeten als Lebensraum.

Ein einfaches Beispiel: Wenn wir das Bruttosozialprodukt von 100 um 15 auf 115 erhöhen, ist das ein Wachstum von 15 %. Das war die Situation in Deutschland nach dem Krieg (und ist es heute in China). Wenn wir es von 1.000 um 15 auf 1.015 erhöhen, ist das – bei dem gleichen absoluten Zuwachs – nur noch ein Wachstum von 1,5 %. Das ist die Situation in den reifen Volkswirtschaften mit gesättigten Märkten – auch in Deutschland. Wenn aber 4 oder 5 % Zinsen vorab den Kapitalgebern zufließen, muss der Fehlbetrag den Arbeitenden weggenommen werden. Das ist der Grund für Sozialabbau, Arbeitslosigkeit, Ausdünnung der Infrastruktur etc. Dass wir alle den Gürtel enger schnallen müssen, hat nichts mit Politik zu tun, es ist systembedingt. Wir alle sind blind und sehen es nicht.

Wenn nur noch 2 % der existierenden Geldmenge auf diesem Planeten für den Austausch von sämtlichen Waren und Dienstleistungen weltweit benötigt werden und im Gegenzug 98 % in Form von Bits und Bytes spekulativ und in Renditeerwartung um den Erdball huschen, kann das nicht mehr dem Menschen dienen!

MM: Gibt es denn an deutschen Hochschulen wissenschaftlich abgesicherte Konzepte für ein Wirtschaftssystem ohne Wachstum?

Prof. Berger: Es gibt mehrere Kollegen, die Alternativen entwickelt haben, aber vom „Mainstream“ übersehen werden und die Politik nicht beraten können, da diese vom Lobbyismus und den Kapitalinteressen beherrscht wird.

Henry Ford hat einmal gesagt; "Wenn die Menschen ihr Geldsystem verstehen würden, hätten wir eine Revolution noch vor morgen früh."

Das Konzept „fließenden Geldes“, das ich vertrete, hat nur wenige Befürworter an den Hochschulen. Dabei ist es die Lösung für viele der Probleme, die uns unter den Nägeln brennen: die Staatsverschuldung, die Arbeitslosigkeit, Armut und Ausbeutung, den Hunger auf der Welt, die Umweltzerstörung und Krieg.

Demokratie ist nur eine Illusion, wir sind nicht frei, der Kapitalismus herrscht über uns. Der bedeutendste deutsche Wissenschaftler, der exzellente Bücher dazu verfasst hat, ist Privatgelehrter: Helmut Creutz.

Bei den gewaltigen technischen und wissenschaftlichen Fortschritten der letzten 100 Jahre sollte es der Menschheit eigentlich gelungen sein, für fast alle Menschen ein beinahe Paradies auf Erden zu errichten. Warum wir heute davon immer noch so weit entfernt sind?

MM: Herr Prof. Berger, wir danken für das Interview.

 

Vortrag von Prof. Dr. Dr. Berger

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